PianoMe Talks: Interview mit Cilgia Gadola und Paul Hess – die neue Geschäftsführung des Bundesverbands Freie Darstellende Künste (BFDK)

PianoMe Talks: Interview mit Cilgia Gadola und Paul Hess – die neue Geschäftsführung des Bundesverbands Freie Darstellende Künste (BFDK)

Die Jahre 2024 und 2025 waren für Musiker:innen in Deutschland von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt. Politische und rechtliche Weichenstellungen hatten spürbare Auswirkungen auf die Arbeitsrealität vieler freischaffender Künstler:innen. Themen wie soziale Absicherung, faire Vergütung, steuerliche Rahmenbedingungen und strukturelle Reformen rückten verstärkt in den Mittelpunkt kulturpolitischer Debatten. Zugleich zeigte sich, wie fragil bestehende Strukturen sind – und wie dringend tragfähige, nachhaltige Lösungen gebraucht werden, um künstlerische Arbeit langfristig zu sichern und kulturelle Vielfalt zu bewahren.

Vor diesem Hintergrund führen wir unsere Interviewreihe mit Stimmen aus Kultur und Verwaltung weiter – im aktuellen Gespräch mit der neuen Geschäftsführung des BFDK.

Cilgia Gadola und Paul Hess ordnen mit ihrer langjährigen Erfahrung und fachlichen Expertise die aktuelle Lage ein und geben Einblicke in ihre Perspektiven.

Im Gespräch skizzieren sie, welche Themen für sie derzeit Priorität haben, welche Impulse sie setzen möchten und welche strategischen Schritte sie planen, um die Rahmenbedingungen für Künstler:innen in Deutschland zukunftsfähig zu gestalten. Lest selbst, welche Einschätzungen sie zu den zentralen Herausforderungen formulieren und welche Ziele sie in ihren neuen Funktionen verfolgen.

PianoMe (PM): Liebe Cilgia, lieber Paul, herzlichen Glückwunsch zu Eurer neuen Aufgabe als Geschäftsführer:innen des Bundesverbands Freie Darstellende Künste! Wir freuen uns sehr, Euch heute zu einem Interview begrüßen zu dürfen und mehr über Eure Perspektiven, Ziele und Vorhaben zu erfahren.

Cilgia Gadola (CG): Vielen Dank. Ich freue mich auch und habe Lust, mit voller Arbeitskraft die Belange von Akteur:innen in den Freien Darstellenden Künsten zusammen mit Paul anzugehen!

Paul Hess (PH): Da ist bei mir genauso. Wir haben schon in den ersten Tagen gemerkt, dass wir bei vielen Punkten sehr ähnlich ticken. Das macht große Lust, Dinge gemeinsam voranzubringen. 

PM: Das ist großartig, danke! Vorstellen muss ich Euch eigentlich nicht. Aber vielleicht kurz zusammengefasst: Du, liebe Cilgia, hattest unter anderem die Projektleitung des Projekts „Systemcheck“ beim Bundesverband Freie Darstellende Künste inne. Außerdem warst Du eine der Sprecher:innen der Koalition der Freien Szene, setzt Dich schon lange engagiert für die Interessen freischaffender Künstler:innen ein und hast selbst lange in Berlin in der Freien Szene gearbeitet.

Und Du, lieber Paul, bringst eine langjährige künstlerische und organisatorische Erfahrung im Bereich der Darstellenden Künste mit. Neben Deiner künstlerischen Arbeit hast Du Dich auch kulturpolitisch stark engagiert – unter anderem als Co-Vorsitzender der Berufsgruppe Tanz und als Mitglied des Hauptvorstands der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA).

CG: Ich bin sicher, dass unsere Profile super zusammenpassen, unser breites Wissen und Erfahrung sehr hilfreich ist und wir es gut einsetzen können.

PH: Uns eint vor allem der Antrieb, Kunstschaffende gut zu vertreten und die Rahmenbedingungen für die künstlerische Arbeit zu verbessern.

PM: Danke Euch! Ich würde vorschlagen, dass wir damit starten, dass wir eine Brücke zu den vergangenen beiden Jahren schlagen. Diese waren von zahlreichen politischen und rechtlichen Entwicklungen geprägt, die sich spürbar auf die Arbeitsrealität freischaffender Künstler:innen ausgewirkt haben. Welche dieser Veränderungen haben aus Eurer Sicht die Szene am nachhaltigsten beeinflusst – positiv wie negativ? 

PH: Das Herrenberg-Urteil hat für große Verunsicherung in der Szene gesorgt und beschäftigt uns alle weiter. Die soziale Absicherung von Freischaffenden oder hybrid Arbeitenden in der Kunst- und Kulturlandschaft ist ohnehin fragil. Sowohl für Einzelkünstler:innen, aber auch für Spielstätten, Träger:innen der kulturellen Bildung etc., ist es jetzt wichtig, Klarheit zu bekommen und das möglichst schnell. 

Daneben ist natürlich auch die Stagnation bzw. Kürzungen von Fördermitteln der öffentlichen Hand für die Freien Darstellenden Künste eine schlimme Entwicklung. Positiv ist, dass Kürzungen mancherorts abgemildert werden konnten. Die strukturelle Unterfinanzierung bleibt.

CG: Und die Krisen, besonders in Bezug auf die Kürzungen, haben viele solidarische Demos und Stellungnahmen bewirkt. Da die Krisen aber nicht aufhören bzw. von Politik und Verwaltung weiter von noch umfangreicheren Kürzungen gesprochen wird, wird auch die Angst größer, und da ist es schwieriger, an das große Ganze zu denken, wenn die Existenz weiterhin unsicher ist. Wir versuchen, mit unserer „Anfangs-Motivation“ dagegen anzugehen.

PM: Und gab es aus Eurer Sicht eine Entscheidung oder Entwicklung, die Ihr als Wendepunkt für die kulturpolitische Diskussion in Deutschland bezeichnen würdet?

PH: Das vorzeitige Ende der Ampelregierung und der verspätete Haushalt haben Auswirkung auf die Arbeit von Kulturschaffenden, weil sie massive Planungsunsicherheiten nach sich zogen. Auch das weitere Erstarken der AfD hat die politische Debatte im Hinblick auf die Kultur verändert. Werte, die bisher als selbstverständlich galten, werden in Frage gestellt und es erfordert Aufmerksamkeit und Energie, sie zu verteidigen. 

Kunstschaffende weiter unter Druck: Soziale Absicherung und Arbeitsbedingungen

PM: Sehr interessant! Meiner Wahrnehmung nach zählte das Thema „Vergütung“ zu den zentralen Diskussionspunkten für nahezu alle Beteiligten. Zahlreiche Verbände, Genossenschaften, aber auch die Politik,haben versucht, Arbeitsgruppen zu etablieren oder konkrete Empfehlungen auszusprechen. Auch in unserem früheren Interview mit Dir, liebe Cilgia, haben wir unter anderem über die HUG-Empfehlungen gesprochen. Damals hast Du betont, dass dieser Prozess weitergeführt werden müsse, da insbesondere für selbstständige Kunstschaffende noch weitere Aspekte zu berücksichtigen seien. Haben die jüngsten kulturpolitischen Debatten hier aus Eurer Sicht konkrete Fortschritte gebracht – oder bleibt dieses Ziel weiterhin eher programmatisch?

CG: Es hat sich schon was getan. Immer mehr Förderinstitutionen und Bundesländer empfehlen diese Honoraruntergrenzen. Und auch die Einführung im BKM für Förderprojekte, die mindestens zu 50 % aus Bundesmitteln gefördert werden und die Claudia Roth initiiert und gemeinsam mit Verbänden, u. a. dem BFDK, umgesetzt hat, hatte eine große Wirkung. Es bedarf aber immer noch viel Kommunikation und Qualifizierung mit Künstler:innen und anderen Akteur:innen in den Freien Darstellenden Künsten. Es wird auch gerade eine Kampagne geplant. Dazu kann Paul mehr erzählen.

PH: Der BFDK hat die Honorar-Untergrenzen zum Ende des Jahres 2025 anlässlich des 10-jährigen Jubiläums seiner Honoraruntergrenzenempfehlung nach oben angepasst. Unser Ziel ist es, die aktualisierte HUG bundesweit als verbindlichen Mindeststandard auch in allen Ländern und Kommunen zu etablieren. Dabei ist es wichtig zu beachten: Die Honorar-Untergrenze ist sprichwörtlich eine Untergrenze. Erfahrung und andere Faktoren müssen bei der Preisfindung Berücksichtigung finden und zu höheren angemessenen Honoraren oberhalb der HUG führen. Für uns ist es wichtig, den richtigen Umgang mit der HUG zu kommunizieren. Wie beziehe ich mich als Antragsteller:in richtig darauf? Welche weiteren Aspekte muss ich berücksichtigen, und wie mache ich sie transparent? Die Kampagnenplanung auf unseren Social-Media Kanälen wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Wir peilen die zweite Jahreshälfte an.

PM: Die soziale Absicherung freischaffender Künstler:innen war in den vergangenen Jahren ein weiteres der zentralen Themen – auch im Rahmen des Projekts „Systemcheck“. Cilgia, Paul, wie schätzt Ihr den aktuellen Stand ein? Welche der bereits erarbeiteten Empfehlungen sind bereits umgesetzt und wo gibt es noch Nachholbedarf?

CG: Wie gesagt ist die Einführung der HUG in vom Bund geförderten Projekten ein guter Schritt. Die Kürzungen, die vielerorts an Kulturetats vorgenommen werden, erschweren den Prozess natürlich enorm. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen gehen wir hier nicht weniger vehement vor. Und es gibt ja noch viele andere Themen, wie die für viele drohende Altersarmut und die Nicht-Sicherung bei Erwerbslücken oder Ausfällen. An den Ideen, die wir im Rahmen von „Systemcheck“ und auch in der Studie zur Sozialen Lage formuliert haben, sind wir weiter dran. Die eben genannten gehören hier zu den dringendsten. Dass bei der Aktivrente nun die Selbstständigen außen vor sind, ist wirklich mehr als ärgerlich. Die Renten sind so niedrig, und ausgerechnet eine Gruppe – nicht nur in der Kunst –, die besonders von Altersarmut bedroht ist, darf nicht steuerfrei hinzuverdienen? U.a. dazu führen wir Gespräche.

PH: Erwerbslücken sind für die Akteur:innen in den Freien Darstellenden Künsten der Normalfall. Besonders zu Beginn der Karrieren ist es vollkommen normal, dass sich Lücken zwischen Aufträgen auftun. In einem gewissen Umfang sind diese natürlich einkalkuliert, aber was passiert, wenn sich größere Lücken auftun, ungeplant, oder als Folge von persönlichen Einschnitten? Es fehlt ein tragfähiges Pendant zur Arbeitslosenversicherung für Soloselbstständige und Hybriderwerbstätige. Das ist ein strukturelles Gerechtigkeitsproblem. Wenn man sich in anderen europäischen Ländern umschaut, gibt es viele Beispiele für Lösungen. Und es gibt auch ein Gutachten von Prof. Dr. Daniel Ulber, wie diese Lücke innerhalb der KSK geschlossen werden kann.

PM: Danke Euch! Fast eng verbunden mit der sozialen Absicherung sind auch die Arbeitsbedingungen vieler freischaffender Künstler:innen. Viele Verträge sind nach wie vor kurzfristig, projektbezogen oder auf Werkvertragsbasis. Wie bewertet Ihr die aktuelle Situation und lassen sich bereits erste Veränderungen beobachten? Wie steht es um das Projekt „Verbindungen fördern“? 

PH: Das Projekt „Verbindungen fördern“ war ein bis dato einzigartiges Modellprojekt, das Ende 2025 ausgelaufen ist. Die Bündnisse und wir haben viele Erkenntnisse aus dem Projekt gezogen, die wir in der Abschlussdokumentation zusammengeführt haben. Die Dokumentation ist auf unserer Website darstellende-kuenste.de nachzulesen bzw. steht dort zum Download bereit. Viele praktische Informationen und Hinweise haben wir auch für unsere Wissensplattform campus.darstellende-kuenste.de aufbereitet, sodass alle Akteur:innen davon profitieren können. 

CG: Es ist uns weiter ein dringendes Anliegen, dauerhaft eine Strukturförderung für überregionale Netzwerke zu etablieren. Dazu läuft zurzeit die Kampagne „Strukturen fördern“ auf unseren Kanälen in den sozialen Medien.

Zwischen Förderstrukturen, Institutionen und Kreativität

PM: Arbeitsbedingungen sind nur eine Seite der Medaille – viele künstlerische Projekte sind überhaupt erst durch Fördermittel realisierbar. Gleichzeitig empfinden zahlreiche Künstler:innen die bestehenden Förderstrukturen als notwendig, aber auch als einschränkend. Wo seht Ihr aktuell die größten Spannungsfelder zwischen institutioneller Förderung und künstlerischer Freiheit?

PH: Die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe in diesem Zusammenhang ist die Systematisierung von Förderungen. Wenn man sich alleine die Fristen anschaut: Wenn ich für eine Landesförderung eine kommunale Förderung nachweisen muss, das Gremium der Kommunalförderung aber erst nach der Einreichfrist der Landesförderung tagt, dann kann ich nur versuchen, das transparent zu kommunizieren und hoffen, die kommunale Förderzusage nachreichen zu dürfen. Ähnlich kann es dann bei einer Bundesförderung weitergehen. Bei einer der Förderungen ist dann möglicherweise der erlaubte Zeitraum bis zum Maßnahmenende sehr kurz. Bis zur Zu- bzw. Absage der Förderung kann aber die Spielstätte den Premierentermin nicht freihalten. Und so weiter und so fort. Und so finden sich viele Akteur:innen in der dauerhaften Suche nach Workarounds, gehen große persönliche finanzielle Risiken ein und bauen auf gegenseitiges Vertrauen. 

Die Regierungsparteien haben im Koalitionsvertrag die Systematisierung von Förderungen vereinbart. Daran erinnern wir auch in unseren Gesprächen mit Politiker:innen.

CG: Außerdem ist es sehr wichtig, dass geförderte Projekte eine gewisse Flexibilität brauchen. Dass zum Beispiel Zeiträume verlängert und, wenn nötig, Gelder auch im Folgejahr ausgegeben werden können. Das ist vor allem –  aber nicht nur – für Menschen mit Behinderung, chronischer Erkrankung oder für Sorgetragende wichtig. Und es werden immer noch zu viele Arbeitsschritte nicht gefördert, bspw. Vorbereitungen, Recherchen etc. Über den Bedarf einer Netzwerkförderung haben wir ja bereits gesprochen.

PM: Aus unternehmerischer Sicht gefragt: Glaubt Ihr, dass die aktuellen Fördermodelle ausreichend Raum für neue, experimentelle Formate lassen – oder gibt es aus Eurer Sicht noch zu viele Hürden für Innovation? Und wo seht Ihr aktuell die größten Hürden für junge oder noch nicht etablierte Künstler:innen beim Zugang zu Fördermitteln und institutioneller Unterstützung?

CG: Dadurch, dass die Projektförderung nach wie vor die dominanteste ist, die zum Beispiel flexibles Arbeiten und das Eingehen von Kooperationen sehr schwer macht, sind darin auch Experimente nicht so leicht umzusetzen. Es ist sehr schwer, spartenübergreifende Projekte zu beantragen. Das ist in den meisten Förderprogrammen nicht von vornherein vorgesehen. Der Austausch – auch über (Bundes-)Länder hinweg – ist aber ein sehr wichtiger Faktor für Innovation. 

Der Anfang als Künstler:in in den Freien Darstellenden Künsten ist aus vielerlei Hinsicht schwer. In manchen Bundesländern gibt oder gab es extra Förderprogramme für Einsteiger:innen, wo die Antragshürden kleiner sind. Aber die Hürden fangen für viele schon vorher an. Nur sehr langsam öffnen sich Ausbildungsstätten oder Studiengänge z.B. für Studierende mit Behinderung. Und dadurch, dass es sich als Künstler:in schlecht oder nur für wenige auskömmlich leben lässt, sind es häufig strukturelle Themen, die die jungen Menschen davon abhalten, Kunst zum Beruf zu machen. Mit unserem neuen Projekt „Vielfalt gestalten“ erarbeiten und erproben wir bis Herbst 2028 Modelle, die auch Mitarbeitenden mit Diskriminierungsmerkmalen in Freien Spielstätten die Arbeit erleichtern bzw. attraktiver machen oder sogar erst ermöglichen.

PM: Viele Kulturschaffende berichten immer mal wieder von einem hohen administrativen Aufwand bei Anträgen und Abrechnungen. Wie lässt sich Eurer Meinung nach hier eine bessere Balance zwischen notwendiger Kontrolle und dem Vertrauen in die künstlerische Arbeit herstellen?

CG: Durch eine Vereinheitlichung oder zumindest Annäherung der Förderungen in den verschiedenen Bundesländern und Kommunen. Wie unübersichtlich das ist, hat Paul schon angesprochen. Wir haben das in unserer veröffentlichten „Darstellung der Förderstrukturen in Bund, Ländern und beispielhaften Kommunen für 2025“ sichtbar gemacht. Außerdem ist es sehr schwer, experimentell und damit flexibel zu arbeiten, weil es so schwer ist, Gelder in ein anschließendes Kalenderjahr zu überführen.

PH: Für einige Förderungen, vor allem bei kleineren Summen im kommunalen Bereich, wurden vereinfachte Abrechnungen eingeführt, die keine Einzelbelege mehr benötigen. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, damit der administrative Aufwand nicht die künstlerische Arbeit übersteigt und somit entweder Ressourcen verschlingt oder in unfreiwillig ehrenamtlicher Tätigkeit verrichtet werden muss. 

PM: Welche Rolle kann und sollte der BFDK zukünftig dabei konkret einnehmen, um bei diesen Themen zwischen Künstler:innen, Institutionen und Politik nicht nur vermittelnd, sondern auch durch gezielte Initiativen und Maßnahmen gestaltend tätig zu werden?

PH: In erster Linie sind wir gemeinsam mit unseren Landes- und Assoziierten- Verbänden das bundesweite Sprachrohr der Akteur:innen in den Freien Darstellenden Künsten. Der größte Teil derer, die wir vertreten, sind Künstler:innen aus allen Sparten und Berufsbildern – Schauspiel, Tanz, Musiktheater, Performance, Figurentheater, Zirkus, Bühnen- und Kostümbild, Regie, Choreografie, Theaterautor:innen und viele mehr. Diese Vielfalt bildet die Grundlage unserer Arbeit.

Unsere Aufgabe beschränkt sich nicht auf Vermittlung. Wir bündeln die Expertise aus der Praxis, identifizieren strukturelle Fehlstellen und entwickeln konkrete Reformvorschläge, z.B. zur sozialen Sicherung, zu fairer Vergütung oder zur Weiterentwicklung von Förderstrukturen. Die bringen wir dann in die Gespräche mit Politik und Verwaltung ein.

Über Kampagnen, Qualifizierungsangebote und unsere Mitarbeit in Gremien – beispielsweise bei der KSK oder im Deutschen Kulturrat – setzen wir Impulse in der Debatte. Gleichzeitig erproben wir in Modellprojekten neue Ansätze, machen Bedarfe sichtbar und zeigen auf, wie strukturelle Verbesserungen konkret umgesetzt werden können.

Herausforderungen und Chancen für freie Theaterensembles

PM: Danke Euch! Lasst uns bitte kurz über freie Theaterensembles sprechen: Der Bereich steht seit Jahren unter erheblichem Druck – sei es durch unsichere Projektfinanzierungen, knappe Proberäume oder fehlende Planungssicherheit. Wo seht Ihr aktuell die größten strukturellen Herausforderungen für diese Ensembles?

PH: Die bedeutenden Felder waren in der Frage schon genannt. Planungssicherheit ist das richtige Stichwort. Man kann Infrastruktur und Personal nicht beliebig hoch- und runterfahren. Zumindest ist es nicht nachhaltig. Hier kommt wieder die Fördersystematisierung ins Spiel. Dazu gehören, wie bereits erwähnt, überjährige Förderung und die Förderung von Strukturen. 

Ausreichend Proberäume, aber teilweise auch Spielstätten, sind extrem wichtig. Wir beobachten, dass mancherorts etablierte Räume geschlossen werden. Es braucht  nicht nur ausreichend Räume, sondern auch solche, die entsprechend ausgestattet sind. Während es für Sprech- oder Puppentheater vielleicht wichtiger ist, einen angeschlossenen Lagerraum für Requisiten und Aufbauten zu haben, können Tanzproduktionen nicht auf kaltem Beton proben. Musiktheater brauchen ggfs. ein Klavier und die Zirkusproduktion eine Rigging-Möglichkeit. Hier sind die Voraussetzungen und auch die Bedürfnisse im Bundesgebiet sehr unterschiedlich.

PM: Welche Rolle sollten Eurer Meinung nach etablierte Theaterinstitutionen und Kommunen künftig einnehmen, um den freien Theaterbereich nachhaltig zu unterstützen?

CG: Einen Austausch zwischen institutionell geförderten Theatern und der Freien Szene hat der BFDK bereits 2024 vorangetrieben. Aktuell sind wir dabei, die Ergebnisse zu bündeln und herauszuarbeiten, welche Ressourcen, z.B. Theaterinstitutionen, teilen könnten und was daraus an gegenseitiger positiver Entwicklung entstehen kann. Wir versuchen dabei auch ein Verständnis zwischen den zwei unterschiedlichen Arbeitsvoraussetzungen und Weisen herzustellen. Das gehört meines Erachtens zu den Grundpfeilern einer Kooperation.

PM: Was muss sich ändern, damit junge Theatermacher:innen langfristig eine Perspektive haben und ihre künstlerische Arbeit professionell fortführen können? Welche Strategien wird der BFDK diesbezüglich verfolgen?

CG: Faire Bezahlung, eine durchgehende und angepasste soziale Absicherung und auch eine sozioökonomische Anerkennung, dass es sich bei Berufen im künstlerischen Bereich um eine professionelle Tätigkeit handelt. Und gleichzeitig trägt sich die Arbeit in vielen Sektoren in der Kunst nicht wirtschaftlich. Dafür muss auch noch ganz viel Verständnis her, was ein künstlerischer Prozess alles umfasst und wie viel Zeit er braucht. Das erstmal eher übergreifend.

Zukunftsperspektiven

PM: Mit Blick auf Eure bisherige Arbeit und die zukünftige Ausrichtung: Welche zentralen Ziele habt Ihr Euch für Eure Amtszeit als Geschäftsführer:in gesetzt – und welche davon stehen für Euch derzeit an oberster Stelle?

CG: Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Förderstrukturen nachhaltig ausgebaut werden, dass mit der Förderung faire Honorare möglich sind und dass die Zugänge zu sozialer Sicherung so erweitert und verändert werden, dass sie auch tatsächlich eine Sicherung darstellen. Und zwar für alle.

PH: Um das leisten zu können und die Interessen von Akteur:innen in den Freien Darstellenden Künsten vehement vertreten zu können, ist es außerdem wichtig, dass die Geschäftsstelle stabil und in angemessener Höhe gefördert wird. 

PM: Und was möchtet Ihr tun, um die Sichtbarkeit und Wertschätzung freischaffender Künstler:innen in der Gesellschaft und der Politik zu erhöhen?

PH: Es geht uns einerseits darum, Verständnis für die Arbeitsweisen von Künstler:innen zu schaffen. Das ist elementar, um zu verstehen, warum wir bestimmte Anpassungen, z.B. in der sozialen Absicherung, fordern. Dass Kunst und Kultur unverzichtbar sind, da sind sich eigentlich alle – Gesellschaft und Politik größtenteils einig.

CG: Um die Sichtbarkeit zu erhöhen, entwickeln wir Kampagnen auf unseren Social-Media-Plattformen, sprechen auf Panels und nutzen zudem unsere Projekte sowie eigene Veranstaltungen.

PM: Welche Botschaft oder welchen Rat möchtet Ihr den Kulturschaffenden für die kommenden Jahre mit auf den Weg geben?

CG: Bitte gebt nicht auf, bleibt dran, wir – die Gesellschaft brauchen euch.

PH: Und bleibt solidarisch. Stimmen und Kämpfe dürfen sich gerade jetzt nicht vereinzeln.

PM: Vielen Dank, liebe Cilgia und lieber Paul! Das Gespräch mit Euch war äußerst aufschlussreich und inspirierend. Ich wünsche Euch von Herzen alles Gute und viel Erfolg bei allen Vorhaben, die vor Euch liegen. Es freut mich sehr, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben!

PH: Danke Dir. Das hat Spaß gemacht.

CG: Mir auch. Und gerne in Kontakt bleiben.


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