In dieser Ausgabe hatten wir die Freude, mit der Konzertpianistin Daria Vasileva ins Gespräch zu kommen. Sie erzählt von ihren musikalischen Anfängen und prägenden Einflüssen, spricht über ihr Verständnis von künstlerischer Identität und darüber, welche Bedeutung das Musizieren heute für sie hat. Darüber hinaus gewährt sie Einblicke in ihre pädagogische Tätigkeit und setzt sich mit Fragen von Authentizität, Neugier und Verantwortung im künstlerischen Selbstverständnis auseinander. Im Interview erzählte sie außerdem, wie sie das PianoMe-Konzept findet.
PianoMe (PM): Liebe Daria, herzlichen Dank für Deine Zeit! Wir freuen uns sehr, dass Du Dir die Möglichkeit nimmst, PianoMe im Rahmen eines Interviews zu unterstützen.
Daria Vasileva (DV): Vielen Dank für die Einladung – ich freue mich sehr, hier zu sein.
PM: Vorstellen müssen wir Dich unseren Leser:innen nicht mehr. Du gehörst zu jener Generation von Pianist:innen, die technische Brillanz mit außergewöhnlicher künstlerischer Tiefe verbinden. In der internationalen Presse und bei Konzertankündigungen wirst Du als leidenschaftliche und ausdrucksstarke Pianistin wahrgenommen, die das Publikum mit ihrer magischen Musikalität und emotionalen Tiefe mitnimmt. Deine Interpretationen zeichnen sich durch große stilistische Sensibilität, klangliche Raffinesse und eine spürbare persönliche Handschrift aus. Als international gefragte Solistin und Kammermusikerin bist Du regelmäßig auf renommierten Bühnen und Festivals in Europa und darüber hinaus zu erleben. Neben Deiner Konzerttätigkeit widmest Du Dich intensiv der musikalischen Vermittlung und der Arbeit mit jungen Musiker:innen. Dein pädagogisches Engagement ist geprägt von dem Wunsch, individuelle Ausdruckskraft zu fördern und gleichzeitig ein tiefes Verständnis für musikalische Strukturen und historische Kontexte zu vermitteln.
DV: Vielen Dank – das ist wirklich sehr freundlich. Ich bin einfach dankbar, dass meine Musik Menschen erreicht und ihren Weg in ihre Herzen findet.
PM: Sehr interessant! Magst Du uns zunächst etwas über Deine „Wurzeln“ erzählen? Welche prägenden Stationen und Begegnungen haben Dich besonders beeinflusst?
DV: Ich würde sagen, dass es zwei große Lebensphasen gibt, die mich nachhaltig geprägt haben.
Die erste war meine Studienzeit in Kasan, Russland, wo ich die Tradition der sogenannten „russischen Klavierschule“ in mich aufgenommen habe. Ich studierte bei Stella Fedoseeva, einer Schülerin der legendären Professorin des Kasaner Konservatoriums Irina Dubinina. Diese wiederum hatte in Moskau bei Jakow Sak und Lew Oborin studiert. Diese künstlerische Linie bildete das Fundament meiner professionellen Identität – die Disziplin, die Klangtiefe und die Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Notentext.
Die zweite entscheidende Phase begann mit meinem Umzug in die Schweiz. Dort erhielt ich ein Stipendium für talentierte ausländische Künstler:innen, das mir ermöglichte, mein Studium an der Hochschule Luzern bei dem deutschen Pianisten Benjamin Moser fortzusetzen. Er half mir, mein Spiel auf ein neues Niveau zu heben – technisch, künstlerisch und persönlich.
Interessanterweise entdeckte ich gerade in der Schweiz meine tiefsten künstlerischen Leidenschaften: die Musik Alexander Skrjabins sowie die Musik von Komponistinnen.
Und jenseits aller stilistischen Einflüsse und technischen Entwicklungen wurde mir mit der Zeit noch etwas anderes bewusst: Für mich bedeutet Musik, Liebe zu den Menschen zu bringen, ihre Herzen mit Güte und Inspiration zu erfüllen. Ich glaube wirklich, dass die Welt das heute mehr denn je braucht.
Zwischen Werk und Persönlichkeit: Interpretation am Klavier
PM: Hat sich auch Deine Beziehung zur Musik im Laufe der Jahre verändert? Wenn ja, wie?
DV: Absolut. Während meines Studiums in Russland war ich deutlich stärker akademisch geprägt. Ich strebte nach Perfektion – Perfektion des Stils, der Struktur, jedes einzelnen Details.
Mit der Zeit jedoch verlagerte sich mein Fokus. Es ging weniger darum, jedes Element isoliert zu perfektionieren, sondern vielmehr darum, mit all diesen Details und stilistischen Nuancen etwas Sinnhaftes zu erschaffen.
Ich wurde mir meiner Verbindung zum Publikum viel bewusster – und dessen, was ich den Menschen im Konzertsaal geben kann.
Heute bedeutet Musizieren für mich vor allem: Musik zu teilen.
PM: Was ist für Dich der Kern des Musizierens – Kommunikation, Selbstausdruck, Handwerk oder etwas ganz anderes?
DV: Heute würde ich Kommunikation in den Mittelpunkt stellen.
Natürlich sind Handwerk und Selbstausdruck essenziell – ohne Technik und ohne eine persönliche Stimme gibt es keine Authentizität. Doch für mich sind diese Elemente Werkzeuge.
Der eigentliche Sinn der Musik liegt in der Verbindung – im Entstehen eines gemeinsamen emotionalen Moments zwischen Interpret:in und Zuhörer:in. Wenn diese Verbindung entsteht, bildet sich etwas beinahe Unfassbares. Und genau das ist für mich die Essenz des Musizierens.
PM: Was bedeutet für Dich musikalischer Ausdruck jenseits von technischer Perfektion?
DV: Für mich bedeutet musikalischer Ausdruck jenseits technischer Perfektion die Fähigkeit, die Vorstellungskraft der Zuhörenden zu wecken. Durch eine Aufführung wünsche ich mir, dass jeder Mensch seine eigene innere Welt, seine eigene emotionale Realität erschaffen kann.
Wenn mein Spiel es ermöglicht, zu träumen, sich zu erinnern oder etwas zutiefst Persönliches zu empfinden, dann hat die Musik ihren Zweck erfüllt. Das ist für mich der Kern.
PM: Und was bedeutet in diesem Zusammenhang die künstlerische Identität und welche Rolle spielt diese für die Karriere von Konzertpianist:innen?
DV: Ich finde es wunderschön, wie viele unterschiedliche Formen von künstlerischem Ausdruck und wie viele verschiedene künstlerische Ziele Musiker:innen haben können. Es gibt keine eine Wahrheit, und jede:r wird diese Frage anders beantworten.
Für mich bedeutet künstlerische Identität letztlich Aufrichtigkeit – Aufrichtigkeit im Dialog mit sich selbst, mit der Musik und mit dem Publikum. Diese Aufrichtigkeit erfordert Mut, besonders im akademischen oder wettbewerbsorientierten Umfeld, in dem Erwartungen sehr präsent sein können.
Doch wenn man sich erlaubt, der eigenen Wahrheit zu folgen – den eigenen Repertoireentscheidungen, künstlerischen Ideen und Vorlieben – macht das den entscheidenden Unterschied. Dort beginnt echte Individualität.
Klavierunterricht: Wenn Theorie lebendig wird
PM: Danke Dir für Deine Meinung! Du unterrichtest ja Klavier auch selbst. Wie siehst Du die aktuelle Rolle des Lehrers bzw. der Lehrerin in der musikalischen Ausbildung?
DV: Ich sehe die Lehrperson vor allem als Wegbegleiter:in hin zu einem großen musikalischen Schatz. Nichts sollte aufgezwungen werden; vielmehr sollten die Logik und die Mittel hinter musikalischen Entscheidungen stets erklärt werden.
Außerdem halte ich den Energiefluss zwischen Lehrperson und Studierenden für außerordentlich wichtig. Der Unterricht sollte sich wie ein offener Raum anfühlen – offen für Experimente, Inspiration und Entdeckung – in dem Studierende ihre eigenen Ideen und ihre künstlerische Stimme entwickeln können.
PM: Wie nimmst Du die aktuelle Generation junger Pianist:innen wahr? Welche Entwicklungen findest Du spannend?
DV: Was mich besonders beeindruckt, ist das unglaublich hohe technische Niveau junger Pianist:innen heute. Es ist wirklich bemerkenswert zu beobachten.
PM: Welche pädagogischen Prinzipien sind Dir im Unterricht besonders wichtig? Inwiefern fließen Deine eigenen Bühnenerfahrungen in Deine Lehrtätigkeit ein?
DV: Meine Bühnenphilosophie – Zuhörenden zu ermöglichen, durch Musik ihre eigene innere Welt zu erschaffen – prägt auch meine Lehrtätigkeit stark. Den Studierenden versuche ich nicht einfach vorzuschreiben, was sie tun sollen. Stattdessen stelle ich Fragen, rege ihre Vorstellungskraft an und ermutige sie, Möglichkeiten zu erkunden.
Sehr häufig entdecken sie auf diesem Weg ihre Lösungen selbst. In gewisser Weise spiegelt das die Konzerterfahrung wider: So wie Zuhörende während eines Konzerts ihre eigene Welt betreten, betreten Studierende im Unterricht ihren eigenen kreativen Raum.
Daria Vasileva über das Projekt „Feminine Power“
PM: Danke Dir! Jetzt hast Du eine wunderbare Brücke zwischen Deiner künstlerischen Tätigkeit und Deiner musikalischen Ausbildung geschlagen. Lass uns nun über Deine weiteren Aktivitäten sprechen und mit Deinem Projekt „Feminine Power“ beginnen. Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden? Gab es einen konkreten Auslöser oder ein Schlüsselerlebnis?
DV: Als ich nach meinem Studium in Russland in die Schweiz kam, war ich überrascht von der großen Repertoirevielfalt, die mir dort begegnete. In Russland hatten wir uns vor allem auf ein traditionelles, wettbewerbsorientiertes Kernrepertoire konzentriert, was äußerst wertvoll war, meine Perspektive jedoch auch ein Stück weit begrenzte.
In der Schweiz tauchte ich plötzlich in eine Welt neuer Musik ein – und insbesondere in die Musik von Komponistinnen. Ich entdeckte Persönlichkeiten wie Cécile Chaminade, Clara Schumann und Fanny Hensel und stellte fest, dass viele Musiker:innen – so wie ich zuvor – ihre Werke kaum kannten. Diese Erkenntnis empfand ich beinahe als tragisch.
In mir entstand der Wunsch, die künstlerische Kraft und die Stimmen dieser Komponistinnen einem breiteren Publikum sowie Kolleg:innen näherzubringen – und daraus entwickelte sich schließlich Feminine Power.
PM: Sehr interessant! Nach welchen Kriterien wählst Du die Komponistinnen und Werke für „Feminine Power“ aus?
DV: Ein Aspekt, der mich besonders interessierte, war Vielfalt – Vielfalt von Kulturen, Epochen und musikalischen Sprachen. Deshalb wurde das Hauptprogramm als Reise durch unterschiedliche kulturelle Räume konzipiert.
Es umfasste unter anderem Mel Bonis aus Frankreich, Fanny Mendelssohn aus Deutschland, Amy Beach aus den USA, Teresa Procaccini aus Italien, Cécile Marti aus der Schweiz, Oksana Stechyshyn aus der Ukraine sowie Teresa Carreño aus Venezuela.
Gleichzeitig entwickelt sich das Projekt stetig weiter. Ich entdecke fortlaufend neue Stimmen – etwa die unterdrückte sowjetische Komponistin Varvara Gaigerova, die selbst in Russland nahezu unbekannt ist. Dieser Entdeckungsprozess ist ein zentraler und fortdauernder Bestandteil des Projekts.
PM: Siehst Du „Feminine Power“ eher als künstlerisches Statement, als gesellschaftliches Plädoyer oder als beides? Glaubst Du, dass sich durch Projekte wie „Feminine Power“ langfristig etwas im klassischen Konzertbetrieb verändern kann?
DV: Für mich ist es eindeutig beides. Ein gesellschaftliches Plädoyer kann zugleich ein starkes künstlerisches Statement sein, ebenso wie ein künstlerisches Statement immer auch eine gesellschaftliche Dimension trägt.
Viele Zuhörer:innen haben mir berichtet, wie faszinierend und augenöffnend es für sie war, diese Komponistinnen erstmals kennenzulernen. Jede Person, deren Neugier durch ein Konzert geweckt wird, trägt auf ihre Weise zu mehr Bewusstsein und Nachfrage im klassischen Konzertleben bei.
In diesem Sinne glaube ich, dass Projekte wie Feminine Power langfristig Veränderungen anstoßen können.
PM: Danke Dir! Lass uns bitte kurz über die Vorteile des digitalen Musikmarkts für Künstler:innen sprechen. Streamingdienste und soziale Medien eröffnen ganz neue Möglichkeiten im Bereich Marketing. Sie liefern Statistiken und wichtige Informationen über Fans und Follower:innen. Auf der anderen Seite beanspruchen diese enorm viel Zeit und verlangen zusätzliche Disziplin. Wie stark beeinflussen diese Statistiken denn die eigene Arbeit, wenn man sie regelmäßig überprüft bzw. ständig mit ihnen konfrontiert wird?
DV: Ich persönlich empfinde es so, dass ein ständiger Blick auf Statistiken schnell überfordernd werden und sogar die eigene Individualität beeinträchtigen kann. Obwohl ich die Möglichkeiten sozialer Medien sehr schätze, versuche ich in erster Linie, dem zu folgen, was sich für mich künstlerisch authentisch anfühlt.
Wenn man diesem Impuls vertraut, zieht man Menschen an, die ähnliche Sensibilitäten und ästhetische Werte teilen. Das Publikum ist vielleicht nicht riesig, doch die Verbindung ist echt – und deshalb äußerst wertvoll.
Als ich begann, meine Präsenz stärker auf die Musik Skrjabins und von Komponistinnen auszurichten, bemerkte ich, wie sich genau jene Zuhörenden angesprochen fühlten. Das war für mich sehr bedeutsam.
PM: Die nächste Frage kann ich mir leider nicht ersparen (lacht). Wie findest Du das PianoMe-Konzept?
DV: Ich finde es wunderbar und bin überzeugt, dass wir mehr solcher Räume brauchen – insbesondere in Washington, DC, wo ich derzeit lebe.
PM: Vielen Dank Dir! Was sind abschließend Deine Ziele für die Zukunft? Möchtest Du Deine Pläne mit unseren Leser:innen teilen?
DV: Ein besonders schönes Ereignis steht kurz bevor: Am 5. Juni 2026 erscheint mein Debütalbum Elements, das Skrjabin gewidmet ist, beim französischen Label Aparté. Ich freue mich sehr darauf, dieses Projekt mit dem Publikum zu teilen.
PM: Liebe Daria, wir danken Dir für das sehr interessante Gespräch! Wir wünschen Dir alles Gute sowie viel Erfolg mit allem, was Du noch vorhast! Wir bleiben in Kontakt.
DV: Vielen Dank – ich wünsche Euch ebenfalls alles Gute. Und ich würde mich sehr freuen, künftig noch mehr PianoMe-Orte zu erleben.
Copyright: @ Katerina Stankevich

