PianoMe Talks: Interview mit der Pianistin Marina Razumovskaja  

PianoMe Talks: Interview mit der Pianistin Marina Razumovskaja

Dieses Mal durften wir mit einer besonderen Musikerin ins Gespräch kommen: der Pianistin Marina Razumovskaja. Offen und persönlich sprach sie mit uns über ihre aktuellen Projekte, ihre Arbeit als Lehrende und darüber, welche Bedeutung das Klavierspiel für ihr eigenes Leben hat. Im Interview erzählte sie außerdem, warum PianoMe für sie eine echte Alternative im Musiker:innenalltag ist – und weshalb eine solche Plattform gerade auf Reisen zu einem unverzichtbaren Begleiter werden kann.


PianoMe (PM): Liebe Marina, vielen Dank Dir für Deine Zeit! Es ist uns eine große Freude, dass Du zu einem Interview mit PianoMe bereit bist!

Marina Razumovskaja (MR): Sehr gern. Ich habe mich wirklich über Eure Anfrage gefreut. Ich mag Gespräche, in denen man nicht nur über Leistung spricht, sondern über das, was hinter der Musik steht und genau das habe ich bei PianoMe gespürt.

PM: Danke Dir! Zunächst möchten wir Dich unseren Leser:innen kurz vorstellen, auch wenn Dich viele sicher schon kennen. Du hast Musik- und Tanzpädagogik in Salzburg studiert und bist heute als Klavierlehrerin, Tanzpädagogin, Komponistin und Choreografin aktiv. Noch beeindruckender ist Dein Engagement für Kinder, die sonst kaum Zugang zu künstlerischer Förderung hätten. Dein Wirken verbindet musikalische Exzellenz mit gesellschaftlicher Verantwortung – ein Einsatz, der beeindruckt und nachhaltige Spuren in der künstlerischen Förderung hinterlässt.

MR: (lacht) Danke Euch, das klingt fast größer, als ich mich selbst manchmal erlebe. Was mich aber tatsächlich mein ganzes Leben lang begleitet hat, ist dieses tiefe Bedürfnis nach Ausdruck. Kunst war für mich nie nur ein Berufsziel. Ich hatte eine nicht ganz einfache Kindheit, und Musik war immer der Ort, an dem ich atmen konnte. Sie hat mir geholfen, Gefühle zu sortieren, Hoffnung zu behalten und mich lebendig zu fühlen. Vielleicht kommt genau daher mein Wunsch, Kunst weiterzugeben, besonders an Kinder, die sonst wenig Zugang dazu haben.

PM: Sehr spannend! Magst Du uns ein wenig mehr über Deine musikalischen Wurzeln erzählen? Ich habe gehört, dass es eine ganz besondere Vorgeschichte gibt, die den Weg zu Deiner Musik entscheidend geprägt hat.

MR: Meine musikalischen Wurzeln sind sehr eng mit meiner eigenen Lebensgeschichte verbunden. Ich bin in Estland geboren und mit neun Jahren nach Deutschland gekommen. Meine Eltern konnten sich damals kein Klavier leisten, obwohl ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe, als Klavier zu spielen.

Dann gab es dieses Paar, das an mich geglaubt hat und mir ein Klavier geschenkt hat. Für mich war das nicht einfach ein Instrument, es war der Beginn einer neuen Welt. Eine Welt voller Klang, Fantasie und Möglichkeiten, die mich sofort fasziniert hat. Bis heute bin ich diesen Menschen zutiefst dankbar, denn sie haben mir nicht nur ein Klavier geschenkt, sondern im Grunde den Zugang zu einer Welt, die mein ganzes Leben geprägt hat und die ich heute weitergeben darf.

Sehr früh kam dann auch der Tanz dazu. Ich war an einer Tanzakademie in Köln und hatte täglich Unterricht in verschiedenen Stilen. Musik und Bewegung gehörten für mich von Anfang an zusammen. Mit etwa 16 Jahren begann ich zu komponieren. Mein großer Traum war es damals, Filmmusik zu schreiben. Da es zu dieser Zeit in Deutschland noch keine entsprechenden Studiengänge gab, bin ich meinem Gefühl gefolgt und habe entschieden, sowohl die Musik als auch den Tanz weiterzuverfolgen. So habe ich Musik- und Tanzpädagogik in Salzburg am Mozarteum studiert. Ich liebe beide Bereiche sehr und empfinde sie nicht als getrennt.

Interpretation und persönliche Handschrift am Klavier

PM: Interessant! Was bedeutet Musizieren für Dich auf persönlicher Ebene?

MR: Musik bedeutet für mich viel mehr als Technik. Sie ist Freude, Ausdruck und Gemeinschaft. Man kann sie fühlen, erleben und teilen. Für mich ist Musik ein Moment, in dem man voll im Augenblick lebt, sich verliert und gleichzeitig mit anderen verbunden ist.

PM: Wie gelingt es Dir, die historische Werktreue mit Deiner persönlichen Interpretation in Einklang zu bringen? Was bedeutet künstlerische Identität für Dich, und welche Rolle spielt sie Deiner Meinung nach für die Entwicklung einer Musiker:innenkarriere?

MR: Historische Werke zu spielen, heißt, den Kern und die Intention des Komponisten bzw. der Komponistin zu verstehen. Meine Interpretation entsteht dann aus meinem eigenen Erleben. Künstlerische Identität bedeutet für mich, seine Handschrift zu finden und authentisch zu bleiben. Das spürt das Publikum sofort, egal ob man klassische Musik, Kinderlieder oder eigene Kompositionen spielt.

PM: Wie wichtig ist dabei Mut zur Individualität in einer Zeit, in der Vergleichbarkeit und Wettbewerbe eine große Rolle spielen?

MR: Künstlerische Identität heißt für mich, ehrlich zu sein. Zu sich selbst, aber auch zum Publikum. Es geht nicht darum, etwas „Besonderes“ zu erfinden, sondern darum, herauszufinden, wer man wirklich ist: musikalisch, menschlich, emotional. Das braucht Zeit, aber auch Mut.

Akademische Exzellenz trifft musikalische Praxis

PM: Spannend! Ich denke, das ist jetzt dann genau der richtige Zeitpunkt, um über Deine pädagogischen Aktivitäten zu sprechen. Wie hast Du Deine eigene Ausbildung erlebt? Was nimmst Du davon für Dein Unterrichten mit? Was ist für Dich im Unterricht zentral?

MR: Ich habe meine Ausbildung als sehr lebendig erlebt. Es gab viel Praxis, viel Raum zum Ausprobieren. Ich durfte früh unterrichten, Projekte entwickeln, Verantwortung übernehmen. Das hat mich sehr geprägt. Ich habe gelernt, dass Lernen Freude machen darf und genau das versuche ich heute weiterzugeben.

PM: Wie siehst Du die aktuelle Rolle des Lehrers bzw. der Lehrerin in der musikalischen Ausbildung?

MR: Ich sehe die Rolle der Lehrperson heute sehr vielfältig und verantwortungsvoll. Es geht längst nicht mehr nur darum, Wissen oder Technik weiterzugeben. Vielmehr verstehe ich Lehrende als Begleiter:innen und Mentor:innen, die junge Musiker:innen auf ihrem individuellen Weg unterstützen.

Eine zentrale Aufgabe ist es, das Potenzial der Studierenden zu erkennen und zu stärken, nicht alle nach derselben Methode zu formen. Jeder Mensch lernt anders, bringt andere Voraussetzungen, Interessen und Ausdrucksformen mit. Deshalb halte ich es für essenziell, mit unterschiedlichen Methoden zu arbeiten und für verschiedene Zugänge zur Musik offen zu bleiben.

Die Lehrperson sollte einen Raum schaffen, in dem Ausprobieren erlaubt ist, in dem Fragen gestellt werden dürfen und in dem sich eine eigene künstlerische Identität entwickeln kann. Gleichzeitig ist es wichtig, Studierende auch auf mögliche berufliche Wege vorzubereiten und ihnen Orientierung zu geben, ohne sie festzulegen.

PM: Welche Fähigkeiten sollten Pianist:innen Deiner Meinung nach heute neben der reinen Technik unbedingt entwickeln?

MR: Natürlich ist technische Sicherheit eine wichtige Grundlage, sie gibt Halt und Freiheit. Aber aus meiner Sicht brauchen Pianist:innen heute noch viel mehr als das. Vor allem brauchen sie Mut: den Mut, den eigenen Weg zu gehen und sich selbst wirklich kennenzulernen.

Es geht darum, herauszufinden: Was möchte ich eigentlich spielen? Wie möchte ich Musik interpretieren? Was berührt mich wirklich? Diese Fragen verändern sich im Laufe des Lebens und genau das macht den künstlerischen Weg so spannend.

PM: Wie unterstützt Du die jungen Musiker:innen dabei, Vertrauen in ihre eigene musikalische Wahrnehmung zu entwickeln?MR: Ich frage viel: Wie fühlt sich das an? Wie klingt das für dich? Ich versuche, Räume zu öffnen, in denen eigene Wahrnehmung wachsen darf. Vertrauen entsteht nicht durch Druck, sondern durch Erfahrung.

Maria Razumovskaya über künstlerische Diversität

PM: Damit hast Du eine wunderbare Brücke zwischen künstlerischer Identität und musikalischer Ausbildung geschlagen. Dabei ist man als Musiker:in in den Augen vieler entweder Lehrer:in oder Performer:in. Du bist nicht nur beides, sondern hast bereits auch an diversen spannenden künstlerischen Projekten teilgenommen und auch einige selbst initiiert. Besonders hervorzuheben sind dabei Deine vielfältigen Projekte für Theater und Fernsehen – sei es als Komponistin und Choreografin oder als Arrangeurin und Produzentin von Songs. Spricht das für Deine „natürliche“ Vielfalt oder strebst Du einfach nach Diversität in Deiner künstlerischen Tätigkeit?

MR: Für mich ist das ganz selbstverständlich. Wenn ich Musik mache, denke ich in Bewegung. Wenn ich tanze, höre ich Musik. Ich empfinde mich oft als etwas dazwischen und genau dort fühle ich mich zu Hause. Diese Vielfalt nährt mich.

PM: Soweit ich weiß, komponierst Du auch selbst. Was war der eigentliche Beginn Deiner Komponistinnentätigkeit und wie definierst Du Deinen Kompositionsstil? 

MR: Meine Kompositionstätigkeit hat ganz organisch begonnen. Während meiner Zeit an der Tanzakademie in Köln hatten wir das Fach Choreografie, und wir durften eigene Stücke entwickeln. Ich war damals unglaublich inspiriert von meinen Dozent:innen und von den Tänzer:innen um mich herum und irgendwann entstand ganz selbstverständlich der Wunsch, auch die Musik selbst zu schreiben.

Ich durfte das dann tatsächlich machen: Für jede Choreografie habe ich eigene Musik komponiert. Es waren sehr viele Stücke, die sehr nah an den Bewegungen, an den Körpern, an der Energie im Raum, waren. Musik und Tanz sind für mich seither untrennbar miteinander verbunden.

Von dort aus hat sich alles weiterentwickelt. Ich begann, Musik für Kurzfilme zu schreiben, später, vor allem während meiner Zeit in Salzburg auch für Theaterproduktionen. Oft kamen Anfragen direkt aus konkreten Stücken oder Projekten heraus. In den letzten Jahren kamen außerdem Kinderbücher und Lieder dazu, was mir besonders am Herzen liegt.

Meine Titel entstehen fast immer aus einem konkreten Kontext: aus einer Szene, einer Geschichte, einer Bewegung. Gleichzeitig spielen mein eigenes Leben und die Natur als Inspirationsquelle eine große Rolle.

PM: Kann ich Deine Werke als eine Art Brücke zwischen künstlerischer Handwerkskunst und allgemeiner Zugänglichkeit interpretieren? 

MR: Darüber habe ich nie bewusst nachgedacht.

PM: Danke Dir! Die nächste Frage kann ich mir leider nicht ersparen (lacht). Wie findest Du das PianoMe-Konzept?

MR: Ich finde es wunderbar. Gerade für Musiker:innen, die viel unterwegs sind oder flexibel arbeiten möchten, ist PianoMe eine echte Bereicherung. Es schafft Sichtbarkeit und Verbindung.

PM: Was sind abschließend Deine Ziele für die Zukunft? Möchtest Du Deine Pläne mit unseren Leser:innen teilen?

MR: Ich wünsche mir, weiterhin auf der Bühne und im Unterricht kreativ arbeiten zu dürfen. Und ich träume davon, junge Künstler:innen zu unterstützen, die viele Ideen haben, aber wenig Ressourcen. Kunst braucht Räume und Menschen, die an sie glauben.

PM: Liebe Marina, wir danken Dir für das sehr interessante Gespräch! Wir wünschen Dir alles Gute sowie viel Erfolg mit allem, was Du noch vorhast! Wir bleiben in Kontakt.MR: Danke!


Copyright Foto: @Shirley Suarez